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Die Tradition des Vogelschießens in unserer Bruderschaft

Im Kapellenarchiv von 1693 wird erstmals das Vogelschießen bei den Schützenbrüdern in Waltringen erwähnt. Eine Zeitlang wurde auf Scheiben geschossen; und zwar in der Schlucht des alten Holweges auf dem Grundstück Hohoff am Südhang der Haar.

1928 wurden erstmals Schießkarten ausgegeben. Geschossen wurde nach einer Liste. Der Schuss kostete 20 Pfennig. Bis 1931 wurde mit eigenen Gewehren geschossen. Mit Karabinern, Schrot- und Rehpostenflinten oder mit Vorderladern wurde versucht, dem Holz-Vogel den Gar aus zu machen.

Ab 1932 wurde das Vogelschießen durch einen bestellten Schießmeister abgewickelt. Die Bruderschaft musste einen Schießoffizier stellen.

Am Samstagabend, dem so genannten Stangenabend, versammelten sich die Schützenbrüder. - Es war ein reiner Männerabend.

Die lange Vogelstange wurde auf den Schultern, Mann an Mann, vom Schützenplatz zum Schießplatz an der Linde getragen. Dort angekommen, wurde der Vogel aufgesetzt. Der Geck, eine Holzpuppe mit bunten Bändern wurde einen Meter unter dem Vogel an der "Vogelstange" befestigt. Es wurde peinlich darauf geachtet, dass der Vogel, wenn die Stange aufgerichtet war, von der Haar nach Waltringen schaute. Dann wurde die Vogelstange mit Leitern und langen "Reupen" (dicke Seile) hochgehievt und zwischen den Halteeisen mit Bolzen gesichert. War diese schwere Arbeit getan, wurde der Korb mit den "harten Sachen" erleichtert, damit die Jungen leichter zu tragen hatten. Anschließend ging`s zurück zum Schützenzelt, wo der Stangenabend oft in froher und geselliger Runde ein spätes Ende nahm.

Am nächsten Tag, dem Sonntag regierte noch einmal das Königspaar vom vergangenen Jahr. - Am Nachmittag versammelten sich alle Schützenbrüder zum Festzug. Teilnahme war Pflicht! - Denn gemäß Protokoll- und Versammlungsbeschluss vom 20.06.1926 sollte jeder Schützenbruder, der noch nicht 50 Jahre alt war, am Festzug teilnehmen. Nur mit einem triftigen Grund konnte man sich beim Hauptmann abmelden. Wenn nicht, (lt. Protokoll) "solle er mit 2 Mark in Strafe gesetzt werden". (Ein Schnaps kostete derzeit 10 Pfennige).

Nach dem Abholen der Fahne und des Hauptmanns zog man zum Königspaar. Nachdem man sich dort mit Schnäpsen gestärkt hatte, zog man mit dem Königspaar und dem Hofstaat durchs Dorf zum Festplatz. Mit dem Königstanz wurde das sonntägliche Fest eröffnet. Bei Freibier wurde bis spät in die Nacht hinein gefeiert.

Am nächsten Tag, dem Montag ging`s erneut hoch her.

Nach der Schützenmesse am Morgen marschierten die Schützenbrüder mit Musik zur Vogelstange. Dort angekommen, kommandierte der Hauptmann nach alter Sitte und Brauch: "Hut ab zum Gebet". Es wurde kniend das "Vater unser" und das "Gegrüßet seist du Maria" gebetet, damit beim Schießen nichts passierte.

Am ältesten, noch bekannten Schießplatz, an der Linde wurde ein Leiterwagen quer über die Straße nach Vierhausen gestellt. Der Leiterwagen diente als Straßensperre und zugleich als Schießauflage.

Der Platz "An der Linde" ist eine alte Flurbezeichnung der nördlichen Hügelfläche, wo der Waldweg und Steinweg auf die Vierhauser Straße führen. Am ehemaligen Standort der Vogelstange steht heute eine Linde zwischen Lärchenbäumen.

Zunächst wurde der Geck abgeschossen. Der Schütze bekam eine Geldprämie und war der "Geck vom Fest".

Derjenige, welcher den letzten Rest des Holzvogels von der Stange abschoss, war Schützenkönig. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nach dem Königsschuss ließen alle Anwesenden den neuen König hochleben. - Es gab Königsbier und die Königinnenwahl stand an. Der König bestimmte seine Mitregentin und die Königsoffiziere bekamen den Auftrag, die Königin zu holen. Danach ging`s im Galopp. Königspaar und der neue Hofstaat mussten bereits am Nachmittag in schicken Kleidern und Anzügen parat sein zum Festzug und zur Parade. Nach dem Aufmarsch und dem Königstanz im Zelt wurde bis zum frühen Morgen gefeiert.

Im Jahre 1932 wurde eine neue Vogelstange auf dem Waldgrundstück des Bauern Brunnberg errichtet. Der Unterbau der alten Vogelstang war zu unsicher und der Verkehr an der Vierhauser Strauße zu stark geworden.

Das erste Schützenfest nach dem 2. Weltkrieg wurde im Jahre 1948 gefeiert, am Tage der Währungsreform. Die ersten beiden Festtage noch mit Reichsmark (1 Zigarette = 5 RM), am Montag dann mit neuer D-Mark. Da nur mit einer Armbrust geschossen werden durfte, war ein leichter Vogel an Glühbirnen befestigt.

1949 wurde auf Lüssen-Hof eine neue Holzstange gefertigt. Die Firma Severin war damit beauftragt. Am Stangenabend wurde die neue Vogelstange zur Haar gebracht. Josef Severin baute den ersten Holzvogel.

Im Jahre 1966 wurde die Holzstange durch einen Gittermast mit Kugelfang ersetzt. Neue Sicherheitsvorschriften machten diese Veränderung notwendig. Bis zum Jahre 1981 war das Vogelschießen im Wald Anziehungspunkt für Besucher von nah und fern. Doch bedingt durch neue Auflagen der Behörden in Bezug auf Sicherheit und Hygiene fasste die Bruderschaft den Beschluss, die Vogelstange im Hallenbereich auf dem Schützenplatz aufzustellen. Etliche Schützenbrüder ging der schöne Schießplatz im Wald nach, doch mittlerweile hat sich der Festablauf am Dorf- und Schützenplatz gut eingespielt.